5/15/2012

jeden morgen erwachte er mit der sehnsucht, das richtige zu tun und ein guter und bedeutsamer mensch zu sein, mit der sehnsucht - so schlicht es klang und so unmöglich es tatsächlich war - , glücklich zu sein. und im lauf eines jeden tages sank sein herz von der brust in den bauch. am frühen nachmittag war er von dem gefühl durchdrungen, dass nichts richtig sei, jedenfalls nicht für ihn, und hatte nur noch den wunsch, allein zu sein. gegen abend war er dann zufrieden: allein mit der größe seiner trauer, allein mit seinem ziellosen schuldgefühl, allein sogar mit seiner einsamkeit. ich bin nicht traurig, sagte er sich immer wieder, ich bin nicht traurig. als könnte er sich dadurch eines tages überzeugen. oder hinters licht führen. oder andere überzeugen - denn noch schlimmer, als traurig zu sein, ist, wenn andere wissen, dass man traurig ist. ich bin nicht traurig. ich bin nicht traurig. denn sein leben hatte ein unbegrenztes potential für glück, und zwar insofern, als es ein leerer, weiß gestrichener raum war. wenn er einschlief, lag sein herz am fußende des bettes wie ein gezähmtes tier, das gar kein teil von ihm war. und jeden morgen, wenn er erwachte, war es wieder im schrank seines brustkorbs; es war etwas schwerer und etwas schwächer geworden, aber es schlug noch. und am nachmittag war es abermals überwältigt von der sehnsucht, irgendwo anders zu sein, irgendwer anders zu sein, irgendwer anders irgendwo anders zu sein. ich bin nicht traurig.

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